Da sich die Übung als eine intensive Diskussionsrunde versteht, sollen ihre spezifischen Perspektiven gemeinschaftlich erarbeitet werden. Entsprechend sind Anregungen ihrer Teilnehmer ausdrücklich erwünscht.

Um den Systemen des deutschen und italienischen Faschismus der 1.Hälfte des 20.Jhs. die Macht zu erhalten und deren Ziele zu verwirklichen, war ein beispielloser Verschleiß an Lebens- und Arbeitskraft erforderlich. Dieser unbedenklichen Verwertbarkeit korrespondierte als Kompensation eine ins Extreme gesteigerte Überhöhung des künstlerisch gestalteten menschlichen Körpers, der die Repräsentationssphäre des Staates zu dekorieren hatte. Spätestens seit 1936/37 hatte sich auch in der geförderten Staatskunst Deutschlands dabei ein gezielter Rekurs auf ‚die klassische Antike‘ gegenüber den zuvor bevorzugten Formen der ‚völkischen‘ Gotik durchgesetzt, da nun vorwiegend Funktionäre und Beamte mit einem entsprechend bürgerlich-‚klassischen‘ Bildungshintergrund die Entscheidungspositionen in Staat und Politik bekleideten. Das gleiche Phänomen bestimmte fortan ebenso die Entwürfe staatlicher Architekturen, programmatisch inszenierter urbaner Räume, die Gestaltungen von Monumenten, welche der Verherrlichung der Diktaturen dienen sollten, sowie die explizit bildwirksamen Inszenierungen von Massenveranstaltungen. In der Übung sollen all diese Phänomene sorgfältig analysiert werden, wobei vor allem folgende Fragen interessant erscheinen: Wofür, wie und mit welcher neuen formalen ‚Sprache‘ wurde hier Antike rezipiert? Lassen sich Gemeinsamkeiten und/oder Unterschiede bzw. Wechselwirkungen der Kunstpolitik des NS-Regimes und derjenigen Mussolinis feststellen? Inwieweit wurden entsprechende Praktiken bereits in den spezifisch nationalistischen Antikenrezeptionen des 19. Jhs. vorbereitet?

Literatur:

H.Frank (Hrsg.), Faschistische Architekturen. Planen und Bauen in Europa 1930-1945 (Hamburg 1985)

K.Behnken (Hrsg.), Inszenierung der Macht- Ästhetische Faszination im Faschismus, Ausstellungskat. Berlin (1987)

A.Scobie, Hitler’s state architecture - the impact of classical antiquity (Pennsylvania 1990)

C.Kivelitz, Die Propagandaausstellung in europäischen Diktaturen. Konfrontation und Vergleich: Nationalsozialismus in Deutschland, Faschismus in Italien und die UdSSR in der Stalinzeit (Bochum 1999)

B.Bressa, Nach-Leben der Antike. Klassische Bilder des Körpers in der NS-Skulptur Arno Brekers (Diss. 2001, http://w210.ub.uni-tuebingen.de/dbt/volltexte/2001/234/ (Volltext)

N.Timmermann, Repräsentative „Staatsbaukunst“ im faschistischen Italien und im nationalsozialistischen Deutschland – der Einfluß der Berlin-Planung auf die EUR (Stuttgart 2001)

H.B.Schaub, Riefenstahls Olympia. Körperideale - ethische Verantwortung oder Freiheit des Künstlers? (München 2003)

A.Grüner, Von Didyma zur Reichskanzlei. Eine Ikone des Nationalsozialismus und ihr hellenistisches Vorbild, Pegasus 6, 2004, 133-148 [http://edoc.bbaw.de/volltexte/2010/1451/ ]

J.Huener-R.F.Nicosia (Hrsg.), The arts in Nazi Germany. Continuity, conformity, change (New York 2006)

P.Diehl, Körper im Nationalsozialismus. Bilder und Praxen (Paderborn 2006)

C. G. Krueger-M. Lindner (Hrsg.) Nationalismus und Antikenrezeption. Oldenburger Schriften zur Geschichtswissenschaft, vol. 10. (Oldenburg 2009)

R.A.Etlin (Hrsg.), Art, Culture, and Media under the Third Reich (Chicago/London 2010)

M.Stangier, Rezeption von Antike im Nationalsozialismus (2011)

G.S.Gessert, Ideological applications. Roman architecture and fascist Romanità, in: R.B.Ulrich-C.K.Quenemoen, A companion to Roman architecture (Malden Mass. 2014) 426-445

P.Carafa, Ancient Rome's image during the Fascist era (1922 - 1943), in: Y.Nakai-P.Carafa (Hrsg.), Memory of the past and its utility. State society identity (Roma 2014) 243-259

J.Chapoutot, Der Nationalsozialismus und die Antike (Darmstadt 2014)

H.Roche-K.Demetriou (Hrsg.), Brill's companion to the classics, fascist Italy and Nazi Germany (Leiden/Boston 2018)