Als ‚archaisch‘ wird all jene griechische Plastik bezeichnet, welche sich vom naturalistischen Erscheinungsbild griechischer Statuen, wie es von späteren (antiken und nach-antiken) Epochen als vorbildhaft empfunden wurde, durch besondere Altertümlichkeit unterscheidet. Diese Definition einer Epoche griechischer Skulptur ist somit ein Musterbeispiel einer erst im Rückblick erfolgten Kategorisierung. Dies gilt, so mag man einwenden, letztlich für jede historische Epochengliederung. Anders als bei der Unterscheidung von klassischer und hellenistischer Plastik oder von hellenistischer und kaiserzeitlicher Plastik, welche sich aus Stilvergleichen keineswegs eindeutig ergibt und damit ohne die geringsten Schwierigkeiten als arbiträr erwiesen werden könnte, ist der Unterschied zwischen archaischen und klassischen Skulpturen für die allermeisten modernen Betrachtern evident, und diese visuelle Evidenz lässt sich auch an einem klar benennbaren Unterschied im Aufbau der Statuen festmachen: der Ponderation, welche für nach-archaische stehende Figuren weitestgehend verbindlich wird. Wie man es jedoch an dem bereits relativ kurz nach dem Ende der Archaik einsetzenden Phänomen bewusst ‚archaistischer‘ Gestaltung mancher Bilderwerke erkennt, ist die visuelle Evidenz der Altertümlichkeit archaischer Plastik keine Sache bloß moderner visueller Kultur, sondern hat ihre Wurzeln bereits in der Antike selbst.

Gleichwohl ist natürlich davon auszugehen, dass archaische Plastik in ihrer Entstehungszeit selbst keineswegs als altertümlich galt oder gar altertümlich wirkte. Die Beschäftigung mit archaischer Plastik wird damit zum Testfall für die Relativität und Zeitgebundenheit ästhetischen Empfindens und zur intellektuell sowohl reizvollen wie weiterführenden Herausforderung, eine durch grundsätzliche Alterität gekennzeichnete Bildkultur adäquat zu erfassen und zu beschreiben.

Konkret wird es in der Vorlesung um die meist in den Statuentypen des Kouros (stehender nackter junger Mann) und der Kore (stehende bekleidete junge Frau) gebildeten Marmorbildwerke gehen, welche im Laufe des 7. Jh. gleichzeitig mit der ‚Entdeckung‘ von Marmor als Werkstoff aufgekommen sind, und seitdem in stets wachsender Zahl die Heiligtümer (als Weihgeschenke) und Nekropolen (als Grabstatuen) der griechischen Stadtstaaten bevölkerten.