Propagandaliteratur, Kriegsliteratur, ›Blut-und-Boden‹-Literatur – hartnäckig wurden die in der Zeit des Nationalsozialismus entstandenen Bücher vor allem jenen Genres zugeordnet. Doch es gab eine Vielzahl von unterhaltender Literatur, die auch forciert politisch gefördert wurde. Joseph Goebbels, Alfred Rosenberg und andere NS-Funktionär*innen erkannten schon früh das propagandistische Potenzial von Unterhaltungsliteratur, die das sogenannte ›gespaltene Bewusstsein‹ in NS-Deutschland mitkonstituierte. Dementsprechend erließ die Reichsschrifttumskammer im Sommer 1935 eine »Anordnung zur Förderung guter Unterhaltungsliteratur«; Literatur also, die mehrere Funktionen erfüllen sollte: So sollte einerseits scheinbar entspannende Unterhaltung fernab von offensiver allgegenwärtiger NS-Propaganda ermöglicht, diese andererseits aber gleichzeitig auch als Mittel subversiverer Ideologievermittlung genutzt werden. In einem Sicherheitsbericht aus dem Jahr 1940 betonte man daher, dass »zahlreiche Ansatzpunkte vorhanden seien, auf dem Wege über das unterhaltende und spannende Buch Grundsätze und Werte einer nationalsozialistischen Lebensgestaltung auch dann und oftmals leichter in das Volk zu tragen, als es ein Schrifttum schulungsmäßigen Charakters häufig vermöge.«

Aus verschiedenen Gründen wurden in der literaturwissenschaftlichen Forschung diese – sowohl politischen als auch apolitischen oder entpolitisierten – Texte lange Zeit vernachlässigt, doch konnten mehrere Studien der letzten Jahre die Relevanz dieser Texte herausstellen. In unserer Übung/Forschungswerkstatt wollen wir – abgestimmt auf die Interessen der Teilnehmer*innen – sowohl einen Einblick in die verschiedenen, teils sich widersprechenden Positionierungen nationalsozialistischer Kulturfunktionär*innen zur oft als ›Literatur des Seichten‹ abgetanen Unterhaltungsliteratur als auch in das breite Feld der Unterhaltungsliteratur geben. Anhand verschiedener konkreter Beispiele und Autor*innen wie Heinrich Spoerl, Rudolf Brunngraber, Ina Seidel, Karl-Aloys Schenzinger, aber auch Erich Kästner und Hans Fallada, die ein breites Spektrum – von unterhaltender Belletristik, über Satiren und sog. heiteren Romanen bis hin zu Bestsellern aus dem Bereich der historischen Romane und Sachbücher – abdecken, wollen wir gemeinsam sowohl die Gestaltung als auch die Funktion dieser Texte untersuchen.