„Der Kranke allein ist arm“, so betitelte der Arzt und Mediziner Christoph Wilhelm Hufeland im Jahre 1809 seinen Aufsatz über die Versorgung armer Kranker in Berlin. Hufeland nahm den ursächlichen Zusammenhang von Armut und Krankheit als selbstverständlich an. Aber wie wurde die Wechselwirkung von Armut und Krankheit im Kontext der Pauperisierung des 19. Jahrhunderts in der Medizin noch verhandelt? Und welche obrigkeitsstaatlichen Konzepte und Maßnahmen haben sich mit Blick auf diese Thematik entwickelt? Wie lässt sich im 20. Jahrhundert die Entwicklung von der Medizinalstatistik und Sozialhygiene zur Sozialmedizin, Epidemiologie, Medizinischen Soziologie und Medizinsoziologie charakterisieren und jeweils historisch situieren? Nicht zuletzt geht es neben diesen Fragen in dem Hauptseminar auch um die Geschichte des öffentlichen Gesundheitswesens und des Wohlfahrtsstaates.

Das Thema „Armut und Krankheit“ kann jedoch nicht diskutiert werden ohne die „Geschichte von unten“, d.h. nicht ohne die Perspektiver derer, die von medizinischen, pflegerischen, gesundheitspolitischen und armen- resp. sozialfürsorgerischen Maßnahmen betroffen waren, zu rekonstruieren. Nicht zuletzt ist auch zu beachten, wie das Geschlecht (Gender) den Umgang mit Armut und Krankheit in der Medizin, Pflege und Wohlfahrtspflege beeinflusste.



Die Medizinverbrechen der Psychiatrie während des Nationalsozialismus sind zwar bekannt, finden
aber in der öffentlichen Debatte immer noch wenig Beachtung. Erst 2014 beispielsweise wurde ein zentrales Mahnmal am Ort der ehemaligen der Berliner „Tiergartenstraße 4“ der Öffentlichkeit übergeben – zur Erinnerung an die Verbrechen und ihre Opfer.

Seit den 1980er Jahren wurde eingehend zur NS-Psychiatrie geforscht – zu den ideologischen Voraussetzungen, zur Zwangssterilisation, zur begleitenden Propaganda, zum Ablauf der Mordaktionen und zu Täterprozessen.

Das Seminar gibt einen Überblick über die zentralen Themen, zieht eine Bilanz bisheriger Forschung und gibt einen Ausblick auf neue Perspektiven. Hierzu gehören kürzlich abgeschlossene Recherchen zur Geschichte der Gesellschaft Deutscher Neurologen und Psychiater im Nationalsozialismus, die eine Verflechtung der Fachgesellschaft und ihrer Repräsentanten mit der Sozial-, Bevölkerungs- und Vernichtungspolitik des Regimes dokumentieren. 

Relativ neu ist auch die Opfer-bezogene historische Forschung zur „Euthanasie“. Sie konnte zentrale Kriterien zur Selektion der Opfer rekonstruieren und die Voraussetzung dafür schaffen, den bisher oft anonymen Opfern ihre Identität zurück zu geben.

Aktuelle Forschungen setzen insbesondere an zwei Punkten an: Die „Euthanasie“ wurde zum einen bekanntlich auch genutzt, um neuropathologische Arbeiten durchzuführen. Hirnpräparate finden sich noch bis heute in wissenschaftlichen Sammlungen, so dass derzeit die Provenienz dieser Präparate aufgearbeitet werden muss. Zum anderen ist bisher wenig bekannt, wie sich die „normale“ psychiatrische Forschungspraxis insbesondere in Universitätskliniken im NS veränderte, auch hier besteht Forschungsbedarf.

Zusätzlich zum Hauptseminar ist eine eintägige Exkursion in die Gedenkstätte Hadamar geplant, eine der ehemaligen Tötungsanstalten für Psychiatriepatient*innen der NS-Zeit