Laut statistischem Bundesamt verstirbt mittlerweile rund die Hälfte aller Menschen in Deutschland nicht zu Hause, sondern in einem Krankenhaus. Noch dazu gezählt werden müssen all diejenigen Personen, die in einem Pflegeheim oder ähnlichen Einrichtungen versterben. Diese Zahlen verdeutlichen, dass sich die Sterbekultur (ars moriendi) in Deutschland stark gewandelt hat: Während der Tod eines Familienmitgliedes vor einigen Generationen noch seinen Platz inmitten der (Groß)Familie hatte, wird die Begleitung und Betreuung der Sterbenden heutzutage immer mehr in die Hände von Ärzten und Pflegern gegeben. Aus diesem Grund sollte die Auseinandersetzung mit dem Tod des Menschen im medizinethischen Kontext nicht nur eine Rolle für angehende Mediziner spielen, sondern es handelt sich hierbei – in Anbetracht der oben genannten Zahlen – um eine Thematik, die eine allgemeine gesellschaftliche Relevanz hat.
Der Tod des Menschen nimmt vor allem in folgenden medizinethischen, zum Teil miteinander verwandten Themenkomplexen eine zentrale Stellung ein: bei der Sterbehilfe und der Palliativmedizin, der Organspende und der hiermit häufig verbundenen Hirntoddiagnostik. Diese Themen sollen in einem interdisziplinären Dialog von den Studierenden aus Sicht der unterschiedlichen Fachdisziplinen erarbeitet und diskutiert werden.

In der medizinischen und pflegerischen Versorgung kranker Menschen und in der medizinischen Forschung stellen sich häufig ethische Fragen. Mit zahlreichen normativen Fragen befasst sich nicht nur die Medizinethik, sondern auch das Recht, wenngleich aus ethischer Sicht teilweise umfassendere Forderungen erhoben werden. Die Medizinethik bietet bei neuen Problemen einschlägige Analysen und entwickelt vielfältige Argumentationen, die auch für rechtliche Diskurse relevant sein können.

Die Vorlesung gibt eine Einführung in Grundlagen wie z.B. die Unterscheidung von Moral und Ethik, von Deontologie und Konsequentialismus oder Grundbegriffe wie Autonomie, Nicht-Schaden, Gerechtigkeit und Verantwortung. Zudem werden unterschiedliche ethische Argumentationsrichtungen vorgestellt. Ausgewählte Themen der Medizinethik sind neben Standards wie Aufklärung und Informed Consent, Selbstbestimmung, Behandlungsbegrenzung bei Schwerstkranken, Sterbehilfe, Organtransplantation und Ressourcenverteilung auch aktuelle ethische Fragen der Forschung am Menschen, der Reproduktionsmedizin und der prädiktiven Gendiagnostik.

Didaktisch verfolgt die Vorlesung das Ziel, fortlaufend ethische Grundbegriffe und Ansätze vorzustellen und diese mittels einer konkreten medizinethischen Thematik zu verdeutlichen.

Unterscheidung Moral und Ethik; ethisch-philosophische Autonomiekonzepte; informed consent; Pflegeethik; ethische Fallbesprechung; Sterbehilfe/Euthanasie; ethische Fragen am Lebensanfang/Reproduktionsmedizin; Transplantationsmedizin (Organspende/Organallokation/Hirntod); Forschung am Menschen; Genomeditierung.

Die historische Forschung zur medizinischen Wissenschaft im Nationalsozialismus hat sich bisher vor allem dem Extrem der Forschung in Konzentrationslagern gewidmet,  weniger der Alltagspraxis beispielsweise an Universitätskliniken.  Entwicklungen, Übergangsformen, Grauzonen und Diskussionen werden aber kaum in den Blick geraten, wenn man sich ausschließlich mit Lagerforschung befasst. Die „normale“ Forschungspraxis könnte aussagekräftiger für die Frage sein, ob und wie ethische Standards im Forschungsalltag berücksichtigt  und unter welchen Bedingungen sie nicht beachtet wurden. Die medizinhistorische NS-Forschung vollzieht in dieser Hinsicht seit einiger Zeit eine Umkehr der Blickrichtung vom Ereignis zur Routine.
In diesen Kontext soll sich das Seminar  verorten. Es soll auf etablierte Forscher der NS-Zeit, ihren sozialen, politischen und wissenschaftlichen Werdegang, sowie insbesondere auf ihre Forschung fokussieren, am Beispiel von Leopoldina-Mitgliedern. Sie galten vor dem Hintergrund ihrer Epoche als ausgewiesene Wissenschaftler, dokumentiert durch die Zugehörigkeit zur nationalen Akademie der Wissenschaften. Im Seminar soll somit ein (ergo-) biographischer Zugang zur Medizingeschichte im Nationalsozialismus verfolgt werden – mit der notwendigen Kontextualisierung in der politischen Geschichte und der Wissenschaftsgeschichte.
Im Rahmen des Seminars ist eine zusätzliche zweitägige Exkursion zum Studienzentrum und Archiv der Leopoldina in Halle (Saale) geplant. Termin: Do/Fr  17./18.5.2018.

Das Hauptseminar beschäftigt sich mit Geburt, Krankheit und Tod im „langen 19. Jahrhundert“ aus wissenschafts-, sozial-, professions- und kulturgeschichtlicher Perspektive. Es wird die historische Entwicklung analysiert, die in der Sozialgeschichte der Medizin mit dem Begriff „Medikalisierung“ charakterisiert wird, ein Konzept, das in den späten 1970er Jahren im Zuge der Medizinkritik aufkam und bis heute kontrovers diskutiert wird.
Die Sozial- und Gesundheitspolitik sowie die Geschichte medizinischen Wissens wird ebenso Gegenstand der gemeinsamen Diskussion sein wie die Wahrnehmungen und Reaktionen der von diesen historischen Entwicklungen Betroffenen. Daher wird danach zu fragen sein, wie sich die gesellschaftliche und individuelle Wahrnehmung von Krankheit im Laufe des 19. Jahrhunderts wandelte. Welche Formen medizinischer Versorgung gab es im Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert? Und welche gesellschaftlichen Auswirkungen hatte die „Geburt der Klinik“ (Foucault) auf die Kultur und soziale Praxis des Gebärens und den Umgang mit dem Tod sowie auf die medizinische Betreuung Sterbender? Welche Akteur_innen bestimmten den „medizinischen Markt“ und in welchem Verhältnis standen sie zueinander?