Zwischen „Alltagspraxis“ und Medizinverbrechen. Medizin im Nationalsozialismus

In den letzten Jahrzehnten ist viel zur Medizin im Nationalsozialismus geforscht worden, insbesondere zu den Medizinverbrechen und ihrem historischen Kontext – Zwangssterilisation, Krankenmord und Menschenversuche in Konzentrationslagern. Erst seit jüngerer Zeit ergänzt dabei die opferzentrierte Perspektive die „klassische“ täter- und strukturorientierte Herangehensweise. Weniger im Fokus stand bislang die medizinische „Alltagspraxis“ und ihre Entwicklung unter den politischen Bedingungen des NS-Systems, wenngleich Publikationen auch zum Gesundheitswesen dieser Zeit vorliegen.

Im Hauptseminar „Zwischen „Alltagspraxis“ und Medizinverbrechen. Medizin im Nationalsozialismus“ sollen unterschiedliche Bereiche dieses Themenkomplexes beleuchtet werden – von den ideologischen Voraussetzungen (insbesondere Eugenik/Rassenhygiene) der NS-Erbgesundheitspolitik und der Geschichte der medizinischen Versorgung vor 1933 über die Praxis der Zwangssterilisation im Nationalsozialismus einschließlich der begleitenden Propaganda, die strukturellen Veränderungen im Gesundheitswesen, die Politik der Ärzteverbände und der medizinischen Fachgesellschaften, den Krankenmord an Psychiatriepatient_innen, Forschung am Menschen innerhalb und außerhalb von Konzentrationslagern bis zur Nachgeschichte der Täterprozesse und der Praxis des Umgangs mit den Opfern der Medizinverbrechen in der Nachkriegszeit.