Angeregt durch Harun Farockis filmischen Blick auf Risiko, Spekulation und ökonomische Denkweise als Kennzeichen modernem Handelns und Verhandelns fragt dieses Seminar nach der Relevanz und den Konjunkturen dieser Kategorien im Bereich der Medizin, speziell in der Reproduktionsmedizin. Wir wollen aus historischer Perspektive die Konstruktion von Normen, die Planung und Durchsetzung von Schritten der Prävention, Maßnahmen der Lenkung und Kontrolle sowie Widerstände dagegen untersuchen. Was bedeutete es für medizinisches Denken und Handeln im 20. Jahrhundert, dass die Kategorie des Risikos bereits im 19. Jahrhundert zu einer politischen geworden war (Ewald 1986)? Welche Rolle spielten die Atomforschung, Arzneimittelkatastrophen oder der Aufstieg der Humangenetik zur Leitwissenschaft für Ängste und Wünsche hinsichtlich der Gesundheit. Wie richteten sich diese im besonderen auf das ungeborene Kind? Wie griffen technologische Möglichkeiten, ökonomische Argumente und politische Ziele in der radikalen Neuordnung von Reproduktion und dem Konzept der Familie ineinander, an deren Ende Samenspende, Leihmutterschaft, Präimplantationsdiagnostik und Spätabtreibung als Routineverfahren stehen? Welche Vorstellungen von Verbesserung waren im 20. Jahrhunderts einflussreich und welche Schritte wurden jeweils als eugenisch, hygienisch oder präventivmedizinisch verstanden und umgesetzt? Ziel des Seminars ist eine medizinhistorische Analyse unterschiedlicher Entwicklungslinien im wissenschaftlichen, politischen und öffentlich-kulturellem Umfeld der modernen Reproduktionsmedizin, deren gemeinsame Betrachtung einen tieferen Einblick in das komplexe Wechselverhältnis von Norm, Prävention und Risiko im 20. Jahrhundert ermöglichen soll.


In keiner anderen Debatte über eine Krankheit wurden im 19. Und 20. Jahrhundert eine ähnliche Vielfalt an Disziplinen und Expertentum angesprochen. Die Malaria war die multifaktorielle Krankheit par excellence. Sie hatte geographische, mikrobiologische, medizinische, soziale und ökonomische Aspekte. Sie erforderte Paradigmenverschiebungen und Revidierungen von Modellen.
Im Seminar wird diese Vielfalt anhand von exemplarischen Handbüchern (ca. 1830-1930) aus mehreren europäischen Ländern untersucht, auf den Spuren von Ähnlichkeiten und Spezifitäten.