Italien war zwischen 1882 und 1943 eine Kolonialmacht. 1911 überfiel es Tripolitanien und die Cyrenaika, 1934, im Faschismus, wurden diese Regionen als „Italienisch Libyen“ in die Herrschaft eingegliedert und als „Viertes Ufer“ des Mittelmeers sowie als Aufnahmegebiet des (vermeintlichen) italienischen Geburtenüberschusses betrachtet. Für dieses demographische Projekt war eine Gesundheitsorganisation erforderlich, die Siedler und Einheimische betraf. Staat und faschistische Partei wollten viele und produktive Kolonisten ansiedeln, woraufhin  unter den Bewerbern für die Einwanderungsschübe von 1938 und 1939 die politisch Zuverlässigen und gesundheitlich Vielversprechenden ausgewählt wurden. Die Einheimischen wiederum sollten keine biologische Gefahr für die Italiener darstellen und sich vermehren, um nutzbare Arbeitskraft zu liefern. Eine „Vermischung“ dieser Volksgruppen wurde im Faschismus endgültig verboten.


Im Seminar werden die Strategien verfolgt, durch die der italienische Staat vor dem und während des Faschismus die Gesundheit der Koloniebewohner zu steuern suchte. Insbesondere wird die Rolle Libyens als Experimentierfeld der Mediziner geklärt. Libyen galt als „schlechteres Italien“, wo man noch mehr an der öffentlichen Hygiene arbeiten musste als in der Metropole. Es schien aber Italien ähnlich genug, um als Laboratorium des „uomo nuovo“ des Faschismus funktionieren zu können. Ferner wird die Rolle Frankreichs als Nachbar-Kolonialmacht im medizinischen Bereich durch Vergleichstexte illustriert.

Basisliteratur
Ben Ghiat Ruth, Mia Fuller, eds., Italian colonialism, New York 2002
Mattioli Aram, Die vergessenen Kolonialverbrechen des faschistischen Italien in Libyen 1923-1933, in: Fritz Bauer Institut (Hg.), Völkermord und Kriegsverbrechen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Frankfurt am Main, New York 2004, S. 203-226
Osterhammel Jürgen, Kolonialismus, München 2012


Wir setzen uns lieber auf das Gesäß und leben gesund und naturgemäß“, lautet der Refrain eines Spottlieds von Erich Mühsam auf die vegetarische Kolonie am Monte Veritá, in der Alkohol, Fleisch und Tabak verboten waren. Als der anarchistische Dichter dort im Sommer 1904 Zuflucht suchte, war die gesunde Lebensführung bereits eine breite Bewegung, die mit Freikörperkultur, Reformkleidung und bisweilen auch mit religiösen Riten einherging. 100 Jahre zuvor, an der Wende zum 19. Jahrhundert war die seit der Antike geübte Diätetik in populären Schriften neu gefasst worden. Die altbekannte Forderung griechischer und römischer Ärzte nach der Ausgewogenheit der Körpersäfte wurde in den Schriften des preußischen Leibarztes Christoph Wilhelm Hufeland zu einer Gleichmäßigkeit der Gemütsbewegungen umgedichtet. Sein Buch mit dem Titel Die Kunst das menschliche Leben zu verlängern wurde zum Katechismus einer preußischen Askese. Annähernd zeitgleich, um das Jahr 1800, etabliert sich in Deutschland eine effektive öffentliche Medizinalverwaltung unter der Bezeichnung „medizinische Polizey“, die Pockenimpfung wird eingeführt, Wundärzte müssen eine Ausbildung absolvieren und sich prüfen lassen, ehe sie praktizieren dürfen, und die „Sorge um sich“ entwickelt sich allmählich von einer privaten zu einer gesellschaftlichen Aufgabe.
Heute unterscheiden Sozialmediziner vier Sorten von Prävention: Die Primäre Prävention beugt einer Krankheit vor, die Sekundäre mildert ihre Folgen, die Tertiäre verhindert, dass es zu einem Rückfall kommt und die Quartäre  schützt vor Exzessen einer medizinischen Behandlung. Aus historischer Perspektive betrachtet, existiert ein deutlich weiterer Präventionsbegriff.

Die Themenfelder des Seminars reichen von den Gesundheitsratgebern des 19. Jahrhunderts, über Impfkampagnen, die Forderungen nach gesundem Trinkwasser, den Arbeitsschutz, die Lebensmittelhygiene, die überaus erfolgreichen Kampagnen zur Säuglingspflege bis hin zu den immer stärker ins Private eingreifenden Vorschriften, mit denen gesundheitskonformes Verhalten erzeugt werden soll.
Die politische Geschichte der medizinischen der Prävention ist nicht eine lineare Einwicklung vom aufgeklärten Absolutismus hin zum sogenannten „Nanny State“. Viele Maßnahmen wurden von Betroffenen und Experten erkämpft. Einige verbinden sich mit beispiellosen Erfolgen, die messbaren Einfluss auf die statistische Lebenserwartung hatten. Aber auch eugenische Maßnahmen wurden als Mittel der Prävention angesehen. Ein Thema des Seminars ist daher die Frage nach den jeweiligen gesellschaftlichen und naturwissenschaftlichen Rahmenbedingungen, unter denen Präventionsmaßnahmen konzipiert, gefördert oder abgelehnt wurden.

Literatur:
Lengwiler, Martin; Madarász, Jeannette (Hg.): Das präventive Selbst. Eine Kulturgeschichte moderner Gesundheitspolitik . Bielefeld 2010 (=VerKörperungen 9).
Hähner-Rombach, Sylvelyn: Geschichte der Prävention : Akteure, Praktiken, Instrumente. Stuttgart 2015 (=Medizin, Gesellschaft und Geschichte, Beiheft 54).